Ein Baby-Benz als rollendes Labor

Pionier der E-Mobilität: Mercedes-Benz 190 mit Elektroantrieb

Ein Baby-Benz als rollendes Labor: Pionier der E-Mobilität: Mercedes-Benz 190 mit Elektroantrieb
Erstellt am 29. April 2020

Der Daimler will in Zukunft alles auf die Batterie-Technik setzen. Selbst die Entwicklung der Brennstoffzelle im Pkw-Bereich wurde nun eingestellt (Mercedes-Fans.de berichtete hier). Doch neu und innovativ ist die Idee eines akkubetriebenen Autos nicht, denn schon vor 30 Jahren präsentierte Mercedes einen 190er mit Elektroantrieb. 

Im Mai 1990 zeigt Mercedes-Benz auf dem Innovationsmarkt der Hannover Messe einen auf Elektroantrieb umgerüsteten Typ 190 (W 201). In einer Broschüre heißt es: „So dient der Mercedes 190, der von Länge und Gewicht den Anforderungen eines Elektrofahrzeugs am nächsten kommt, als Batterie-Erprobungsträger. Dabei geht es hauptsächlich um die Überprüfung der Funktionstauglichkeit aller Komponenten, und zwar unter realen Bedingungen mit all den Vibrationen, Beschleunigungen und Temperaturschwankungen des Alltagsbetriebs".

Der Elektro-190er dient als Erprobungsfahrzeug

Die Elektro-190er dienen der Erprobung unterschiedlicher Antriebskonfigurationen und Batteriesysteme. Als Energiespeicher werden vor allem Natrium-Nickelchlorid- oder Natrium-Schwefel-Hochenergiebatterien erprobt, die eine deutlich höhere Energiedichte aufweisen als die klassische Bleibatterie. Die Arbeitstemperatur beider Systeme liegt allerdings bei etwa 300 Grad Celsius. Vor allem ein interessiertes Fachpublikum registriert zunächst die Premiere auf der Industriemesse.

Baby-Benz mit einer Gesamtleistung von 32 kW

Das ändert sich ein knappes Jahr später, als Mercedes-Benz im März 1991 ein weiterentwickeltes Fahrzeug auf dem Genfer Automobilsalon ins Rampenlicht einer internationalen Fachmesse stellt. Die Pressemappe erläutert ausführlich den 190 mit Elektroantrieb und nennt zwei wichtige Pluspunkte: „Das Auto bleibt ein vollwertiger Fünfsitzer mit nahezu uneingeschränktem Nutzraum und bewährter Mercedes-Benz Sicherheit.“ Jedes Hinterrad des in Genf präsentierten Fahrzeugs wird von einer eigenen permanentmagnetisch erregten Gleichstrommaschine mit einer Spitzenleistung von jeweils 16 kW (22 PS) angetrieben, die Gesamtleistung beträgt also 32 kW (44 PS). Eine Natrium-Nickelchlorid-Batterie liefert die Energie, und Rekuperation ermöglicht ein Zurückspeisen beim Bremsen. Ein besonderer Vorteil des Konzepts ist der Wegfall gewichtsintensiver mechanischer Komponenten, sodass das Mehrgewicht gegenüber einem Serienfahrzeug mit Verbrennungsmotor bei lediglich 200 Kilogramm liegt.

60 Millionen DM für die Erprobung

Das Thema Elektroauto erlebt damals einen Aufwind beispielsweise über die in Kalifornien beschlossenen Gesetze zur Einführung von „Zero Emission Vehicles“. Nicht nur Mercedes-Benz beschäftigt sich damit, sondern auch andere Marken. Ab 1992 sind einige Ergebnisse an der deutschen Ostseeküste zu sehen: Auf der Insel Rügen wird ein groß angelegter und bis 1996 laufender Feldversuch durchgeführt. Die deutsche Bundesregierung fördert das Projekt mit 60 Millionen DM. Es hat das Ziel, Elektrofahrzeuge sowie die Energiesysteme inklusive der Batterien in der Alltagspraxis zu erproben. Insgesamt sind 60 Personenwagen und Transporter mehrerer Marken beteiligt.

190er mit vollständiger CO2-Neutralität?

Mercedes-Benz schickt unter anderem zehn Limousinen der Baureihe W 201 nach Rügen, die zuvor in Sindelfingen in Handarbeit Antriebskomponenten in unterschiedlicher Elektromotor-Batterie-Kombination erhalten haben. Als Ladetechnik stehen während des Feldversuchs spezielle Tankstellen mit Sonnenkollektoren zur Verfügung, um den Umweltgedanken konsequent zu erproben. Denn nur Strom aus regenerativen Quellen sorgt für eine vollständige CO2-Neutralität.

100.000 Kilometer in einem Jahr

Die wegweisenden 190er laufen auf Rügen quasi in Kundenhand: Unterschiedliche Nutzer verwenden sie im normalen Alltag – bis hin zum Taxibetrieb. Probleme gibt es kaum, die W 201 spulen vollkommen unauffällig und zuverlässig ihre Strecken ab. Eines der Fahrzeuge wird besonders intensiv genutzt und kommt in einem Jahr auf eine Spitzenleistung von rund 100.000 Kilometern. „Die Ergebnisse vermitteln neue Erkenntnisse über Batterielebensdauer, Anzahl möglicher Entlade- oder Ladezyklen, Reichweite, Energieverbrauch und Zuverlässigkeit“, fasst eine Mercedes-Benz Broschüre zusammen. In den folgenden Jahren untersucht Mercedes-Benz den Elektroantrieb in weiteren Personenwagen.

Heute - 30 Jahre später - tut sich die Elektromobilität weiterhin schwer. Der Durchbruch lässt auf sich warten und mit dem neuen EQC ging der erste Schuss scheinbar daneben. Doch der Daimler will nachlegen. EQS, EQA und EQB stehen in den Startlöchern und mit ihnen soll das elektrische Zeitalter so richtig beginnen.

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