50 Jahre Mercedes-Benz Strich 8

Diesel-Ikone: W115 umgerüstet auf 300 D-Turbo Aggregat

50 Jahre Mercedes-Benz Strich 8: Diesel-Ikone: W115 umgerüstet auf 300 D-Turbo Aggregat
Erstellt am 18. Oktober 2018

In diesem Jahr feiert der Strich 8 seinen 50. Geburtstag. Ein halbes Jahrhundert begeistert der Rekord-Mercedes Menschen auf der ganzen Welt. Einen davon trafen wir bei der diesjährigen Jubiläums-Sternfahrt des Strichachtclubs Deutschland: Ralf Kühl aus dem norddeutschen Krogaspe.

Seit 25 Jahren beschäftigt sich der /8-Enthusiast hauptberuflich mit den Mercedes-Benz Modellen der Baureihen W114 und W115: "Als ich damals mein Hobby zum Beruf gemacht habe, schüttelten alle mit dem Kopf", erinnert sich Ralf, "niemand dachte, dass man überhaupt eines Tages davon Leben kann, zumal der /8 damals ein Brot-und-Butter-Auto war, welches bloß irgendwie über den TÜV kommen musste – am besten für ganz Schmales." Heute bringt das Vierteljahrhundert Erfahrung dem Sterne-Fan mehr Kunden als er bedienen kann. Die Entwicklung am Markt, der Wunsch, einen Strich 8 als Oldtimer und (vielleicht auch als) Wertanlage zu besitzen, spielen Ralf in die Karten: Der Handel sowie die Wartung und Pflege der W114 und W115 Modelle dominieren seinen Arbeitsalltag.

Aller Anfang ist schwer - doch es lohnt sich!

"Ich bin schon ein wenig stolz darauf, gerade die ersten Jahre durchgehalten zu haben", erzählt Ralf und erinnert sich an die Anfangszeit, die vor allem auch finanziell eine Herausforderung war. Was in einem nicht beheizbaren 30m² -Stallgebäude und ohne Hebebühne oder Grube begann, entwickelte sich von Jahr zu Jahr langsam immer mehr zu einem tragenden Business. Dass Ralf seinem Lieblingsmodell dabei stets treu blieb und den Fokus ausschließlich auf Strich 8 Modelle legte, ist rückblickend die beste Strategie, die er fahren konnte: Als Fachmann für /8 ist er weit über Norddeutschlands Grenzen bekannt.

Speziell: Ein W115 umgebaut auf 3 Liter Turbo-Diesel

In seiner Halle stehen teilweise bis zu 30 Strich-Achter. Einer davon ist ein ganz besonderes Modell: Ein W115 aus den USA, Jahrgang 1975, umgebaut auf 3 Liter Turbo-Diesel. Die Maschine aus dem Folgemodell W123 war damals der stärkste Dieselmotor, der überhaupt serienmäßig in PKW`s verbaut wurde. Ihr Einbau in die Karosserie des Vorgängers erforderte jedoch diverse Umbaumaßnahmen. Zwar war der 300 TD schon implantiert, als Ralf das Fahrzeug 2012 kaufte, doch es galt noch einiges zu optimieren: "Nach der Probefahrt war mir klar, dass der Wagen die 125 PS, die er eigentlich haben sollte, niemals auf die Straße bringt." Kaufen wollte Ralf den Turbo-Benz trotzdem: "Unter anderen war für mich ein Kaufargument, dass der Wagen trotz des Motorumbaus ein H-Kennzeichen hatte", begründet er seine Kaufentscheidung, "da es der Umbau auf einen Mercedes-Motor aus der Zeit war, muss es für den damaligen Prüfer in der Form funktioniert haben". So war das Fremd-Implantat im Falle des W115 kein Hinderungsgrund. Hinzu kam, dass der Vorbesitzer einen insgesamt moderaten Kaufpreis aufrief. Ralf schlug ein, obwohl ihm klar war, dass mit der Neuerwerbung jede Menge Arbeit auf ihn warten würde.

Deutschland-USA-Deutschland

Der Motorumbau wurde einst von Michael Rohde, einem anderen /8-Experten, gemacht. Er hatte den Wagen aus den USA reimportiert, komplett zerlegt und mehr oder weniger in Neuteilen wieder zusammen gebaut. Da Michael aber u. a. mit der Leistung nicht zufrieden war, verkaufte er den Wagen wieder. Anschließend ging das Auto durch zwei weitere Hände. Der letzte Besitzer des Benzes hatte sich nicht mehr genügend um Pflege und Wartung des Wagens gekümmert, weswegen Ralf beschloss, das Modell und die Technik erst einmal grundlegend zu überarbeiten.

Motor und Getriebe werden komplett überholt

Obwohl der Motor auch bei Kälte sofort ansprang und sehr ruhig lief, war die Leistung nicht zufriedenstellend. Kein Wunder, wie sie nach der Druckverlustprüfung herausstellte: Auf zwei Zylindern hatte der Motor einen Druckverlust von über 50 Prozent. So ließ Ralf nach und nach Motor und Getriebe komplett überholen, Kühler und Turbolader ebenfalls. Einmal alles neu bitte.

Ebenfalls Hand anlegen musste der Strich-Acht-Fan an die Führung des Gasgestänges: "Im Motorraum ist wegen der Ansaug-/Abgaskrümmer-Peripherie einfach zu wenig Platz," erläutert Ralf, "das Gasgestänge wurde zunächst über mehrere Bögen und Winkel nach oben umgelenkt, verwand sich dadurch aber beim Betätigen in sich zu sehr. Ich musste da erst einmal Stabilität reinbringen." Zu dem Zweck löste er die daneben liegende und wesentlich stabilere Steuerdruckstange des Automatikgetriebes und platzierte sie so, dass sie eine Verbindung mit dem Gasgestänge eingeht. Hierdurch wird die Verwindung reduziert und die Übertragung direkter.

Ein originaler Ölfilter muss rein

Ebenfalls zu eng war es im Motorraum für die Anbringung des originalen Ölfilter-Gehäuses. Ralf implantierte daher den vorderen Bereich des linken Stehblechs eines W114-280E-Modells. Bei diesem sitzt an der Stelle normalerweise der Luftfilter, weswegen das Stehblech eine größere Auswölbung besitzt. Der so gewonnene Platz wurde umfunktioniert und dem originalen Ölfilter des 300 TD zugesprochen. Eine eigens angefertigte Adapter-Platte mit entsprechenden Anschlüssen und Leitungen zum jetzigen Standort des Ölfilters sorgen nun für einen optimalen Öl-(Reiniguns-)Kreislauf. Bei der Gelegenheit konnte auch gleich ein Unfallschaden gerichtet werden, den Ralf vorne links am Benz ausmachte. Im Übrigen die einzige Stelle an der Karosserie, an der bisher überhaupt geschweißt wurde.

Eine "liegende" Lösung für den Klimakompressor

Ein weiteres Platzproblem ergab sich beim Stichwort 'Klimakompressor'. Der nimmt normalerweise eine stehende Haltung ein. Da wegen dem Turbolader im Motorraum stehend nicht genügend Platz zur Verfügung stand, musste eine liegende Lösung her. Als Ralf den Benz übernahm, war hier noch nicht die ideale Ausarbeitung gefunden. "Es war ein gutes Stück Arbeit, die Führung des Keilriemens zu optimieren.", beschreibt er die Herausforderung. Durch die liegende Position des Kompressors nahm der Keilriemen einen anderen Laufradius ein. Aufgrund der langen Laufwege wurden zum Teil enorme Schwingungen aufgebaut, die dazu führten, dass die Lebensdauer eines Keilriemens extrem verkürzt wurde. Ralf löste das Problem, indem er zunächst eine zusätzliche Umlenkrolle anbrachte. Ferner musste ein anderer Thermostatgehäusedeckel verbaut und ein Edelstahlrohr angefertigt werden, das einen höheren Bogen macht, um überhaupt über den Keilriemen rüber zu kommen.

US-Stoßfänger und eine rote Lederausstattung

Dank seiner langjährigen Erfahrung und weil er die Tücken und Kniffe seines Modells in- und auswendig kennt, fand Ralf für alles eine funktionable Lösung. Dabei kümmerte er sich nicht nur um die Modifikation der Antriebstechnik, sondern sorgte auch dafür, dass der optische Auftritt der Limousine und die Bequemlichkeit im Innenraum stimmen. Zunächst stand hierfür eine ungewöhnliche Maßnahme an: Quasi die doppelte Rückrüstung der Stoßfänger. Da der Wagen ursprünglich in die USA ausgeliefert wurde, trägt er seitliche Positionsleuchten und mittlerweile auch wieder die originalen US-Stoßfänger: "Der Vorbesitzer hatte schon europäische Stoßstangen angebaut," erzählt Ralf, "ich hab aber die originalen Parkbänke wieder drangemacht - das gehört bei dem Modell einfach so." Außerdem spendierte der 54-Jährige der roten Lederausstattung eine originale Sitzheizung, wie sie damals schon in der Aufpreisliste für originale Sonderausstattungen für den W115 zu finden war. Die passenden Schalter hierfür integrierte er in die Mittelkonsole, in der oberhalb auch das Becker Mexico Retro Radio prangt. Es kostete damals, bei Markteinführung, rund 1.500 Euro. Die Becker-Radio-Nachbauten mit neuester Technik waren sehr gefragt und schnell vergriffen. "Heute muss man für eine Becker Retro rund das Doppelte auf den Tisch legen", weiß Ralf zu berichten - modernste Technik im Oldschool Look hat ihren Preis. Ebenfalls eine Kombination aus alt und nicht ganz so alt ist das originale Silberpfeil-Lederlenkrad mit von Ralf umgebauter Lenkrad-Automatik (zuvor Mittelautomatik).

 Tolle kombi: Ikonengoldmetallic mit rotem Leder

Außen präsentiert sich der Strich 8 in der Farbe "Ikonengoldmetallic", einem originalen /8-Farbton, den der Benz noch von Vorbesitzer Michael Rohde spendiert bekam. Ursprünglich in die USA ausgeliefert wurde der Wagen in Astralsilbermetallic. „Die Kombination aus Ikonengold und rotem Leder muss man wollen“, sagt Ralf mit einem Augenzwinkern – man hätte es damals aber tatsächlich so bestellen können. Da die bei Kauf montierten Reifen eh das Zeitliche gesegnet hatten, ließ Ralf die Felgen außen hochglanzverdichten und innen Schwarz-Seidenglanz lackieren. Den 7x15 Zoll großen Melber Alufelgen in AMG Optik spendierte er Vredestein Sportrac Bereifung. Um dem Längsträger im Bereich der Lenkgetriebe-Aufnahme wegen der größeren Rad-Reifen-Kombination nicht zu viel zuzumuten, wurde von Ralf vorsorglich eine originale Verstärkungsplatte am Längsträger angebracht, die eigentlich nur für W114/115-Sonderaufbauten mit 15“-Bereifung vorgesehen war. An der Hinterachse arbeitete er gegen die typische Strich 8 Krankheit an: den "hängenden Hintern" hob er mittels Einbau von verstärkten Federn aus dem W116 in die gewünschte Höhe.

Goldig - Die Fotostrecke zum Strich 8

106 Bilder Fotostrecke | 50 Jahre Mercedes-Benz Strich 8: Diesel-Ikone: W115 umgerüstet auf 300 D-Turbo Aggregat #01 #02  

Mercedes-Fans - Technische Daten

Fahrzeugtyp: Mercedes-Benz /8 240D 3.0 (W115)

Baujahr: 1975

Motor: OM 617.952, 3-Liter-Turbodiesel mit 125 PS bei 4.350 U/min und einem Drehmoment von 250 Nm bei 2.400 U/min, diverse Umbaumaßnahmen zur Einpassung des Motors durchgeführt wie Klimakompressor liegend, Umlenkung des Gasgestänges, Einbau einer zusätzlichen Umlenkrolle zum schwingungsfreieren Lauf des Keilriemens, Krümmer Eigenanfertigung

Getriebe: 4-Stufen-Automatikgetriebe

Auspuff: Doppelrohr-Abgasanlage vom 280E

Räder: Melber-Alufelgen (hochglanzverdichtet/schwarz) in AMG-Optik, 7x15, mit Vredestein Sportrac 5 Bereifung

Fahrwerk: höhergelegte Hinterachse mit verstärkten Federn vom MB W116

Karosserie: Stehblech vorne links vom 280E implantiert (mehr Platz für Ölfilter), Lackierung im Farbton 'Ikonengoldmetallic'

Innenraum: Silberpfeil-Lederlenkrad, Lederausstattung rot, original Sitzheizung nachgerüstet, Umbau von Mittel- auf Lenkradautomatik

ICE: Becker Mexico Retro 4948

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