Superrarer W201: Code-Nummer 377 lebt!

Einziger noch existierender von ehemals drei W201-Testwagen, die von Mercedes-Benz für Rundstreckenversuche aufgebaut wurden.

Superrarer W201: Code-Nummer 377 lebt!: Einziger noch existierender von ehemals drei W201-Testwagen, die von Mercedes-Benz für Rundstreckenversuche aufgebaut wurden.
Erstellt am 28. Juni 2013

Frank Kostera von BMK Motorsport nennt einen echten Schatz sein Eigen. Der Berliner erstand im Jahre 1987 einen ganz besonderen Mercedes-Benz. Sein 190er war erst Entwicklungsträger, dann Testwagen für die Presse. Heute ist sein 190er der einzige von drei ähnlich für die Rundstrecke aufgebauten W201. Dabei macht der 190er E 2,3-16 innerhalb seines 190er-Trios neben dem weißen 190er 2,5-16 EVO 1 (FIA-Gruppe A) und dem silberfarbenen 2,5-16 EVO 1 (Gruppe A-DTM) noch den unscheinbarsten Eindruck. Weit gefehlt....

Vieles hat sich in der Autoindustrie verändert, doch einige Abläufe sind immer noch die gleichen. Eine Fahrzeugstudie wird präsentiert, es folgen Testfahrten in die Wüste oder ins kalte Skandinavien. Sogenannte Erlkönige sind dann unterwegs, meist zur Tarnung mit Folie abgeklebt. Wenn diese Phase vorüber ist, bietet der Hersteller der Presse Fahrzeuge zum Testen an.

Um ein solches Fahrzeug handelt es sich bei dieser Story. Aber hier geht es nicht um einen Testwagen, der den Journalisten seine Alltagstauglichkeit beweisen sollte, hier gieht es um ein Pressefahrzeug, das die Motorsport-Ambitionen der Marke Mercedes-Benz ankündigte. Das hier gezeigte 190er 2,3-16V Modell mit dem internen Code „Nr. 377“ wurde 1984 bei der Pressevorführung am Nürburgring zunächst als Presse-Fahrzeug eingesetzt und später in die Daimler Benz Versuchsabteilung übernommen. Bis 1987 blieb der Wagen als Versuchsträger in Stuttgarter Hand, sogar Fahrgestell- und Schlüsselnummer waren gegenüber den Serienfahrzeugen speziell codiert und sind in keinem heutigen Ersatz-Teileregister auffindbar.

Die ersten Rennerfahrungen sammelte Frank Kostera ab 1976 auf einem VW Käfer bei Slalom-, Bergrennen und Rallyes. Er arbeitete als Führungskraft in den Berliner Daimlerwerken, bevor er sich 1990 selbstständig machte.

Interner Code Nr. 377

Doch bereits seit Mitte der 80er Jahre beschäftigte sich der Berliner Dipl.-Ingenieur mit der Materie der 16-Ventiler und so konnte Frank 1987 über seine guten Kontakte zum Produktions-Vorstand Werner Niefer den Wagen für 25.000 DM (ca. 12.500 €) erwerben. Dabei hilfreich, dass das Fahrzeug im Rahmen von Grundsatzversuchen für Rundstrecken-Abstimmungen von den für die 190er Baureihe zuständigen Spezialisten des PKW Versuchs in vielerlei Hinsicht umgebaut worden war. Frank wusste nur zu gut, was er am schwarzen 190er hatte, da bereits viel Zeit und materieller Aufwand in das Auto investiert worden war.

Frank Kostera machte den 190er fit für den Langstreckenpokal

Zum Frühjahr 1988 hatte der Berliner seinen blauschwarzen 190er fertig gestellt und setzte diesen als Rund- und Langstreckenfahrzeug im Klassement der schadstoffarmen G-Klasse (mit G-Kat) ein. Unter anderem auch mit Roland Asch am Steuer. Der Höhepunkt jeder Saison war und ist das 24 Stunden Rennen, hier konnte Franks Rennteam 1989 mit der Fahrerbesetzung Lucky Hölzl, Peter John und Ralf-Werner Müller bis zum Eintritt der Nacht auf Platz 22 vorfahren - ein Defekt in der Zündelektronik verhinderte leider ein noch besseres Gesamtergebnis.

Wie anfangs eingeleitet, handelt es sich hierbei um ein ehemaliges Versuchsfahrzeug. Was daran so besonders ist? Scheinbar simple Effekte mit wirkungsvollen Ergebnissen. Zum Beispiel die Sitzheizungs-Schalter neben dem Schaltknauf haben die Aufgabe, eine im Differenzialgehäuse integrierte Hinterachs-Sperre in drei verschiedenen Stufen (40%, 75% und 100%) zu regulieren. Auch der andere Fensterheber-Schalter diente einem weiteren Zweck - dem ABS, welches somit im Gegensatz zur Serienversion ganz einfach während der Fahrt (de)aktiviert werden konnte.

Zudem ist es erstaunlich, dass eine mit Überrollkäfig ausgestattete 4-türige Limousine sogar eine Straßenzulassung als 4-Sitzer bekam – heute undenkbar, damals als Sondermaßnahme außerordentlich möglich!

Egal ob nun 24-Stunden am Nürburgring, zahlreiche Langstrecken oder Sprintrennen auf der Berliner AVUS, dieses 196 PS starke Modell brauchte sich nicht zu verstecken. 196 PS? Stimmt, in der Serie wurde der 2,3 16 Ventiler mit 2 obenliegenden Nockenwellen und 185 PS ausgeliefert. Der Abgaskrümmer des Rennwagens sieht optisch identisch aus, aber der Durchlass ist dem 2,5 16V gleich.

Dieser 196 PS starke Mercedes braucht sich nicht zu verstecken

Geregelte Katalysatoren gewannen seinerzeit vor dem Hintergrund zunehmender Umwelt-Dikussionen stetig an Bedeutung. Folglich mit an Bord Metall-Renn-Kats, außerdem bekam die Lambdasonde mit entsprechender Einspritz-Software neue Daten gespeist, ein Leistungsplus von über 10 PS die feine Ausbeute.

Das 5-Gang Sport-Schaltgetriebe wurde gepaart mit einer Hinterachsübersetzung 3,07, Schwungrad und Kupplung natürlich verstärkt, eine Höchstgeschwindigkeit bis zu 255 km/h schien mehr als ausreichend. Erst richtig sicher macht diesen Prototypen das hydro-pneumatisch geregelte Fahrwerk – seinerzeit eine Sensation, später im EVO 1 und EVO 2 serienmäßig. Mit 3-fach höhenverstellbarem Niveau konnte die Nordschleifen-Abstimmung individuell eingesetzt werden. Über 2 analoge Druckmanometer auf der Kommandobrücke waren Vorder- und Hinterachse stets überwacht.

Der Fahrerseite wurde ein Recaro-Vollschalensitz angeordnet, das schrieb das Renn-Reglement vor und vermeintlich serientreu wirkt das Interieur mit seinen Stoffen und Verkleidungen. Der Schein trügt, das Material ist 30% leichter gegenüber der Serienausstattung.

Und last but not least, der Benzintank ist nicht wie angegeben mit 65l zu füllen. Dank spezieller „geblasener“ Herstellungsweise faßt dieser nun 70l, im Rennsport sind 5l mehr Inhalt ein riesiger Vorteil, wenn sich so auf der Nordschleife eine Runde mehr fahren und eine Rückkehr in Bosengasse schon nach 10 Runden vermeiden lässt.

Rarer Überlebender aus der Zeit des Mercedes Tourenwagensports

Dieser schwarze 190er ist das einzig noch existierende von drei ähnlich aufgebauten Fahrzeugen aus der Zeit des Mercedes Tourenwagensports. das war die Ära vor der Übernahme der Aktivitäten für Fahrzeug-Entwicklung, -Aufbau und -Einsatz durch die AMG GmbH im Jahr 1990. Parallel zu seiner Selbstständigen-Tätigkeit hatte Frank Kostera zunehmend kaum noch Zeit und Ruhe, BMK Motorsport professionell an Renn-Veranstaltungen einzusetzen.

Erst 20 Jahre später holte er den Wagen wieder aus der Garage. Wenn man berücksichtigt, dass bereits 89.000 Renn-Kilometer auf dem Tacho stehen, das heißt umgerechnet 4mal so viel im Alltag - demnach 356.000km, befindet sich der Wagen immer noch in einem insgesamt hervorragenden Zustand.

Mittlerweile beschäftigt sich Frank mit dem Rennsport wieder mehr. Auch Dank Unterstützung langjähriger Freunde werden 190er Rennfahrzeuge mit viel Liebe zum Detail restauriert.



Text & Fotos: Patrick Meinhold

Mercedes-Fans Facts

55 Bilder Fotostrecke | Superrarer W201: Code-Nummer 377 lebt!: Einziger noch existierender von ehemals drei W201-Testwagen, die von Mercedes-Benz für Rundstreckenversuche aufgebaut wurden. #01 #02 1984 Mercedes 190 E 2.3-16, (Gruppe G)

Antrieb: Reihen Vierzylinder, 2.289 ccm, Serie 185PS, leistungsgesteigert auf196 PS, zwei obenliegende Nockenwellen, Bosch KE-Jetronic, größerer Fächerkrümmer vom 2,5l 16V, Formel 1 Kolbenbolzen, Renn Katalysator mit Lambdasonde und modifizierter Software; Fünfgang Schaltgetriebe (Getrag), Hinterachsübersetzung 3,07:1, verstärktes Schwungrad und Kupplung

Bremsen: Scheibenbremsen rundum, schaltbares ABS (aktiviert/deaktiviert) über 2. Sitzheizungs-Schalter bedienbar

Fahrwerk: Vorne Einzelradaufhängung, hydro-pneumatisch geregelte Niveauregulierung, dreifach höhenverstellbar, Nordschleifen-Abstimmung, Hinterachse: Sperre schaltbar um 25%, 45% oder 100% (über 1. Sitzheizungs-Schalter zu bedienen)

Bremsen: Scheibenbremsen rundum, schaltbares ABS (aktiviert/deaktiviert) über 2. Sitzheizungs-Schalter bedienbar,

Räder: Original Mercedes Alufelgen mit 205/55R15 Pirelli Bereifung

Sonstiges: 2.3-16V Aerodynamik-Paket, Heckspoiler, Motorhauben-Sicherungen, speziell geblasener Tank mit 70l (Serie 65l), schwarze Lederausstattung, Fahrersitz Recaro Vollschalensitz mit elektrischer Verstellung-sitz integriert, schwarz lackierter Stahl Überrollkäfig, offiziell zugelassen als 4-Sitzer, Zusatzinstrumente für Fahrwerks-Hydraulik, Sitzheizung mit Sonderfunktion, alle Dämmstoffe / Matten aus leichterem Material (-30% Gewicht)

Historie: Versuchsfahrzeug, anfänglich Presseauto von Daimler-Benz, Stuttgart 1984-1987, Umbau u. A. für Rundstreckenrennen im Mercedes Versuch, Stuttgart 1987; Übernahme durch Frank Kostera 1987; 24-Stunden Rennen, Nürburgring 1988, 1989, Langstreckenpokal, Nürburgring 1989, weitere Langstrecken- und Sprintrennen (z.B. AVUS) 1989-1992, einziges noch existierendes von drei bei Daimler-Benz für Rundstreckenversuche ähnlich aufgebauten Fahrzeugen, aus der Zeit vor der Übernahme der Sportaktivitäten durch die AMG GmbH im Jahr 1990

Fahrer: Roland Asch, Ralf-Werner Müller, Lucky Hölzl, Peter John, Heiner Weiß, Gerhard Lepler, Frank Kostera

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