Technik:‭ ‬So planen Mercedes & Co.‭ ‬ihre Elektrosportler

Elektrisierende Performance

Technik:‭ ‬So planen Mercedes & Co.‭ ‬ihre Elektrosportler: Elektrisierende Performance
Erstellt am 3. Juli 2020

Elektrifizierung und Sportlichkeit passen bei den meisten Autos nicht so recht zusammen.‭ ‬Batterien und Elektroantriebe bringen Gewicht ins Auto‭ – ‬Gift für jeden Fahrdynamiker.‭ ‬Diesen Konflikt wollen Mercedes-Benz & Co. lösen‭; ‬doch das geht nicht ohne Kompromisse.‭ Schaut man sich das fahrdynamische Angebot solcher Hersteller,‭ ‬wie Audi und deren RS-Modelle,‭ ‬Mercedes AMG oder BMW M an,‭ ‬wird schnell klar,‭ ‬dass die Fahrdynamik-Divisionen die Elektrifizierung aktuell meiden,‭ ‬wie der Teufel das Weihwasser.‭ ‬Schließlich bringen solche Antriebsstränge jede Menge Gewicht ins Auto und das ist genau das,‭ ‬was man bei einem schnellen,‭ ‬betont sportlichen Auto vermeiden muss.‭ ‬Zudem schrumpft die Reichweite bei hohem Tempo schnell in den zweistelligen Kilometerbereich.‭ ‬Doch mittelfristig drohende Einfahrtsbeschränkungen in Innenstädten zwingt die schnelle Truppe,‭ ‬in den sauren Apfel zu beißen.‭ ‬Ein weiteres Problem,‭ ‬dass alle Fahrdynamikbeauftragten umtreibt,‭ ‬sind die immer strenger werdenden Abgasrichtlinien.‭ ‬Die sind zum Beispiel bei EU‭ ‬7‭ ‬noch nicht bis ins letzte Detail bekannt und zum anderen weltweit unterschiedlich.‭ ‬Auch hier kann und muss die Elektrifizierung helfen.

Klar ist,‭ ‬dass Thema Hybridisierung ist mit sportlicher Fahrdynamik nicht so einfach zu vereinen.‭ ‬Die hemmenden Faktoren sind Platz,‭ ‬das erwähnte Gewicht und natürlich auch die Kosten.‭ ‬Dieser disharmonische Dreiklang treibt die Agilitätsexperten in Stuttgart,‭ ‬München und Ingolstadt um.‭ „‬Das Thema Hybridisierung beschäftigt uns schon seit vielen Jahren und an unseren Nichtfortschritt,‭ ‬den wir aktuell haben,‭ ‬sieht man,‭ ‬dass das Thema wirklich anspruchsvoll ist‭“‬,‭ ‬sagt Frank-Steffen Walliser,‭ ‬Baureihenleiter der Porsche‭ ‬911‭ ‬Modelle und fügt hinzu:‭ „‬Für uns gibt eine Hybridisierung nur dann Sinn,‭ ‬wenn der Kunde im Alltag auch etwas davon spürt.‭“

Bei einem relativ kleinen und mit Technik gefüllten Auto wie dem Porsche‭ ‬911‭ ‬ist es schwierig,‭ ‬Batterien und die dazugehörige Technik unterzubringen,‭ ‬da die Kunden den Zwei-plus-Zwei-Sitzer und das damit verbundene Raumgefühl schätzen.‭ ‬Porsche scheint die Lösung dieses Problems in einer integrierten Version gefunden zu haben,‭ ‬bei der der Fahrer sich bei der Bedienung und den Betriebsarten nicht umgewöhnen muss und dennoch spürt,‭ ‬dass er ein deutlich leistungsfähigeres Auto hat.‭ ‬Also spricht beim Elfer viel für eine Hybridisierung mit einem leistungsstarken Elektromotor,‭ ‬der in das Automatikgetriebe integriert ist.‭ ‬Leichter ist das Vorhaben,‭ ‬bei der‭ ‬718‭ ‬Baureihe umzusetzen:‭ ‬Dank des Mittelmotorkonzepts des Porsche Cayman und Boxster lassen sich die zusätzlichen Bauteile leichter platzieren.

Eine Hybridisierung gibt es bei der BMW M GmbH nur unter bestimmten Voraussetzungen.‭ „‬Der Elektroantrieb ist aktuell nicht so robust,‭ ‬dass ich ihm über lange Zeit die Hinterachse anvertrauen würde‭“‬,‭ ‬erteilt BMW-M-Entwicklungschef Dirk Häcker dem Konzept eines Elektromotors an der Hinterachse eine klare Absage,‭ ‬der sich einige Konkurrenz- Fahrdynamiker anschließen.‭ ‬Für die Münchner soll die E-Maschine nicht nur als Antriebsquelle fungieren,‭ ‬sondern auch im Dienste der Fahrdynamik agieren,‭ ‬also auch beim Verteilen der Antriebskraft tätig sein.‭ ‬Klar ist aber,‭ ‬dass ein BMW M auch eine elektrische Mindestreichweite haben muss,‭ ‬die die Kunden befähigt auch zukünftig in alle Innenstädte einfahren zu dürfen.‭ ‬Diese Eigenschaft erwarten wohl die meisten Käufer der Sportwagen aus dem Süden Deutschlands.‭ Dirk Häcker beziffert den Gewichtszuwachs in Rahmen eine Hybridisierung inklusive eines Allradantriebs auf eine dreistellige Kilogrammzahl.‭ ‬Diesen Faktor gilt es zu reduzieren‭ – ‬und zwar merklich.‭ ‬Zusammen mit dem Mutterhaus entwickelt die M GmbH eine neue Plattform,‭ ‬die einen elektrifizierten Antriebsstrang unter der Prämisse der Fahrdynamik ermöglicht.‭ ‬Wichtige Parameter sind die Einbaulage der Energiespeicher und natürlich die Energiedichte.‭ ‬Mit diesem Anforderungsprofil werden sich die Münchner kaum von ihren Kollegen im westlich und nördlich der bayerischen Landeshauptstadt unterscheiden.‭ ‬Allerdings können die Sportler den Batteriekasten nach eigenem Gusto füllen.‭ ‬Das deckt sich mit den Plänen von AMG,‭ ‬die spezielle Akkuzellen entwickeln,‭ ‬die auf Sportlichkeit getrimmt sind.‭ ‬Deswegen werden rein elektrische Reichweiten von‭ ‬100‭ ‬Kilometern bei dynamischen Modellderivaten eher die Ausnahme sein.‭ ‬Das ist jedoch die Zielgröße bei den Mercedes-Standmodellen wie der kommenden Mercedes S-Klasse.‭ ‬Dazu kommt,‭ ‬dass leistungsfähige Batteriezellen in einem Sportmodell mehr Wärme abstrahlen und deswegen einer aufwendigeren Kühlung bedürfen.‭ ‬Das macht das System komplexer und bringt Gewicht ins Auto‭ – ‬ein Teufelskreis.

Grundsätzlich gilt,‭ ‬dass sich der Grad der Elektrifizierung nach Fahrzeugart und‭ ‬-Segment richtet.‭ ‬Superkondensatoren‭ (‬engl.‭ ‬Super Caps‭) ‬sind nur etwas für Sportwagen,‭ ‬die nicht als Erstfahrzeug genutzt werden.‭ ‬Außerdem passt eine sehr schwere Batterie nicht zu einem kleineren Fahrzeug,‭ ‬wie dem BMW M2,‭ ‬dem Mercedes AMG oder dem Audi RS‭ ‬3.‭ ‬Die aktuell vorgestellten Modellversionen von BMW M3‭ ‬/‭ ‬M4,‭ ‬Audi RS6‭ ‬/‭ ‬RS7‭ ‬oder Mercedes AMG werden wohl die Letzten ihrer Art ohne eine Ladebuchse sein.‭ ‬Für die kommende Generation gibt es zumindest Startergenerator samt‭ ‬48-Volt-Bordnetz und im nächsten Schritt die Sportversionen mit Stecker wie dies bereits im BMW i8‭ ‬gezeigt wurde.‭ ‬Der neue Mercedes AMG C63‭ ‬soll nur noch mit vier Zylindern kommen und die Fans laufen bereits Sturm.‭ ‬Statt des sonoren V8-Brabbelns gibt es dann nur noch Vierzylinderwummern mit elektrischer Unterstützung.‭ ‬Dabei wird es nicht bleiben.‭ ‬Auch vom kommenden Mercedes SL ist zumindest mittelfristig ein Vierzylinder in Planung,‭ ‬der bei der später folgenden Basisversion ab‭ ‬2022‭ ‬/‭ ‬2023‭ ‬elektrisch unterstützt wird.

Doch da Drei-‭ ‬und Vierzylinder‭ – ‬wie zuletzt auch bei der BMW-Studie des i Vision M Next‭ – ‬gerade bei Sportwagenfans keinerlei Lobby haben und es nicht um die Motorleistung allein geht,‭ ‬werden Audi,‭ ‬BMW,‭ ‬Mercedes oder Porsche verstärkt auf doppelt aufgeladene Sechszylinder mit rund drei Litern Hubraum setzen und diesen mit elektrischer Hilfe Flügel verleihen.‭ ‬Deutlich geringer dürften die Chancen für die V8-Triebwerke sein.‭ ‬Auch hier wird es ab‭ ‬2022‭ ‬eine Generation geben,‭ ‬die elektrisch unterstützt,‭ ‬Motorleistungen von zum Teil über‭ ‬700‭ ‬PS realisieren und damit auch Supersportwagen ermöglichen,‭ ‬die mit Lamborghini,‭ ‬Ferrari,‭ ‬Porsche und Jaguar konkurrieren.‭ Eine Sonderrolle nehmen nach wie vor die rein elektrischen Fahrzeuge ein.‭ ‬Der Porsche Cayman dürfte schon in naher Zukunft rein elektrisch über die Straßen flitzen.‭ ‬Auch wenn es die BMW M-Macher noch nicht bestätigen wollen,‭ ‬wird es einen BMW i4‭ ‬M geben.‭ ‬Die Plattform ließe das zu und bei den Antrieben ist ja leistungsmäßig auch noch etwas Luft nach oben.‭ ‬Ein solcher Münchner Konter ist auch nötig,‭ ‬um dem Porsche Taycan und dem Audi E-Tron GT nicht allein das Feld des Schnellstromerns zu überlassen.‭ ‬Ein interessantes Gedankenspiel in BMW M-Strategie sind vier Elektromotoren‭ – ‬für jedes Rad einer.‭ ‬Schließlich könne man dann auf einige Elemente,‭ ‬die jetzt noch in den Autos nötig sind,‭ ‬verzichten.‭ ‬Das würde dann wieder Gewicht aus dem Auto nehmen.

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