CLASSICS
Offen und geschlossen ein Genuß: Mercedes-Benz SL
Historie eines Mercedes-Klassikers (R129)
Modellgeschichte: Die Baureihe R129 (1989 bis 2001)
Auf dem Automobilsalon in Genf präsentiert Mercedes-Benz 1989 einen SL, der in jeder Hinsicht ein neues Auto ist. Zunächst gibt es die Typen 300 SL, 300 SL-24 und 500 SL. Intern heißt die Baureihe R129. Ihre Produktion erfolgt nicht, wie bei den Vorgängern, in Sindelfingen, sondern aus Kapazitätsgründen in Bremen. Die Resonanz ist auf Anhieb überaus positiv, und bereits kurz nach der Präsentation ist absehbar, dass die vorgesehene jährliche Fertigungskapazität von 20 000 Einheiten für Jahre ausgelastet sein wird und mehrjährige Lieferfristen in Kauf genommen werden müssen.
Gute Aerodynamik
Das SL-Gesicht hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen festen Platz in der Mercedes-Benz Modellhierarchie erobert. Im neuen SL präsentiert sich die traditionelle Grundform des Grills in stilistisch neuer Interpretation: Innerhalb der organisch in die Motorhaube integrierten Kühlermaske wird der Mercedes-Stern durch horizontale Lamellen aus eloxiertem Aluminium ergänzt. Der Chefdesigner Bruno Sacco hat ganze Arbeit geleistet. Die stilsicheren, schnörkellosen Linien der leicht keilförmigen Karosserie, die ausgestellten Radläufe für die Breitreifen, die Halbspoiler vor den Vorderrädern, eine sehr schräg stehende Windschutzscheibe, das gekonnt modellierte Heck und die serienmäßigen Leichtmetallräder ergeben eine äußerst harmonische Gesamtwirkung. Der aerodynamische Feinschliff im Detail, einschließlich Unterboden und Motorraum-Durchströmung, ergibt in der Summe den kraftstoffsparenden und geschwindigkeitserhöhenden cW-Wert von 0,32 mit montiertem Hardtop. Für den offenen Wagen mit geschlossenen Seitenscheiben werden 0,40 gemessen.
„Car Design Award“
Knapp ein Jahr nach der Vorstellung kann sich der SL mit dem internationalen „Car Design Award“ schmücken, gekürt von einer elfköpfigen Journalisten-Jury aus zehn Ländern, unterstützt von je einem Vertreter der Stadt Turin und der Region Piemont: „Beim Mercedes-Benz 300 – 500 SL überzeugt das Zusammenspiel von Neuerungen im Bereich der Sicherheit [...], von mustergültigen Lösungen in Bezug auf Ergonomie und von strikter Einhaltung der traditionellen Designkultur der Herstellermarke. Der neue SL verkörpert somit die wertvollsten Elemente zeitgemäßen Industriedesigns, ohne auf jenes Flair zu verzichten, das stets zu jedem Sportcabriolet gehört“ – so die Begründung der Jury.
Hohe Torsions-Steifigkeit
Voraussetzung für das unter allen Gegebenheiten einwandfrei funktionierende vollautomatische Faltverdeck ist die Torsions-Steifigkeit der Karosserie, die in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrig lässt. Zur Reduzierung des für offene Fahrzeuge typischen Schwingungs- und Torsionsverhaltens werden in den besonders kritischen Karosseriebereichen zusätzliche Diagonalstreben eingebaut. Im Vorbau ist der Vorderachsträger durch zwei Profilstreben mit den Türschwellern verbunden, im Heckbereich übernehmen zwei Rohrstreben zwischen den Türschwellern und der Ersatzradmulde die gleiche Aufgabe. Durch diese Maßnahmen kann die Torsionssteifigkeit gegenüber dem Vorgängermodell nochmals um rund 30 Prozent reduziert und insgesamt eine limousinenähnliche Gesamtsteifigkeit erzielt werden.
Hohe Stabilität
Neue Maßstäbe setzt dieser Wagen auch in punkto Sicherheit. Die Ergebnisse der strengen Mercedes-Benz Crashversuche bei Frontal- und Heckaufprall sind bei dem offenen Fahrzeug in ihrer Wirkung sensationell und zeigen deutlich die minutiöse Arbeit der Entwickler. Die Festigkeit beim Seitenaufprall geht weit über das gesetzlich geforderte Maß hinaus und setzt einmal mehr Zeichen für die sinnvolle Gestaltung aller Details, wie zum Beispiel die Verkrallung der Türen mit den Längsschwellern, die Querversteifung unter den Sitzen samt formstabiler Flanken des Kardantunnels, oder die Rohre aus hochfestem Stahl im Inneren der A-Säulen, die so einem Dachaufprall standhalten können. Über diesen zweischaligen Aufbau des vorderen Dachrahmens und die mit der Karosserie verklebte Windschutzscheibe wird auch bei einseitiger Belastung des Dachrahmens eine sehr große Stabilität erreicht.
Sicherheit dank speziellem Überrollbügel
Ein integraler Bestandteil des Sicherheitskonzepts ist der automatische Überrollbügel, der erstmals im Automobilbau realisiert ist und die Aufgabe hat, im Falle eines Überschlags den Überlebensraum der Fahrgäste zu sichern. Um die Freude am Offenfahren nicht durch einen fest eingebauten, starren Überrollbügel zu beeinträchtigen, wird eine bewegliche Lösung realisiert, die den Überrollschutz nur bei Bedarf aktiviert. Im Ruhezustand ist der Sicherheitsbügel, der aus einem U-förmigen mit Polyurethan-Kunststoff umschäumten hochfesten Stahlrohr besteht, vor dem Verdeckkasten abgelegt, wobei er den Fond nach hinten abschließt und mit dem Verdeckkastendeckel eine Ebene bildet. Bei einem drohenden Überschlag wird der Überrollbügel sensorgesteuert elektromagnetisch ausgelöst, durch die Kraft vorgespannter Federn innerhalb von 0,3 Sekunden hochgeklappt und durch Sperrklinken gesichert. Als Basis zur Lagerung und Abstützung dienen die hochfesten Mittelsäulen, die großflächig mit den hinteren Längsträgern verbunden sind. Außer der automatischen Auslösung im Notfall kann der Fahrer den Bügel auch auf Wunsch über einen Bedienschalter langsam aufstellen und ablegen, was dann über ein Hydraulikelement geschieht.
Hochstabile Integralsitze
Wegweisend für die Gestaltung des Innenraumes sind die Integralsitze des SL, deren Konstruktion ein technisches Meisterwerk darstellt und die wichtiger Bestandteil des Sicherheitskonzeptes sind. Sitzgestell und Lehne bestehen aus unterschiedlichen, speziellen Magnesium-Legierungen in Dünngusstechnik. Sie enthalten die integrierten Dreipunktgurte mit Gurtstraffer, die Gurthöhenverstellung mit gekoppelter Kopfstützenverstellung sowie elektrische Stellmotoren für die Längs-, Höhen- und Neigungs-Verstellung von Sitzkissen und Lehne. Wichtiger Bestandteil ist außerdem die automatische Zwangsverriegelung der Lehne. Die Belastbarkeit des Sitzes im Crash beträgt ein Vielfaches der möglichen auftretenden Kräfte. 20 Patente für Detaillösungen stecken in diesem Sitz; sein Schöpfer erhält 1989 in Anerkennung seiner bahnbrechenden Arbeit den hoch dotierten Paul-Pietsch-Preis.
Vollautomatisches Faltverdeck
Besonders hohen Bedienungskomfort bietet das neu konstruierte elektrohydraulische Stoffverdeck, mit dem der SL serienmäßig ausgestattet ist. Allein durch Betätigen eines Schalters kann das Verdeck innerhalb von 30 Sekunden geöffnet und aufwändig gefaltet im schmalen Verdeckkasten abgelegt oder aus dem Verdeckkasten herausgeholt und geschlossen werden. Gleichzeitig werden die Seitenscheiben und der Überrollbügel abgesenkt und anschließend wieder in die Ausgangsstellung zurückgeführt. Geschlossen ist es in alle Richtungen straff und faltenfrei – schließlich soll es auch durch den Unterdruck, der während der Fahrt über dem Dach herrscht, nicht wie ein Ballon nach oben gezogen werden, und außerdem muss die einwandfreie Funktion des Überrollbügels unter dem geschlossenen Verdeck garantiert bleiben. Die Energie zum Betätigen des Verdecks liefert eine elektrisch angetriebene Hydraulikpumpe, die zusammen mit dem Ölvorratsbehälter in der Reserveradmulde untergebracht ist. Die Überwachung der mikroprozessorgesteuerten Bewegungsabläufe erfolgt mit Hilfe von 17 Endschaltern, und die Hydraulikanlage hat 15 Druckzylinder sowie elf Magnetventile.
Windschott sorgt für weniger Zugluft
Zu den mustergültigen Lösungen zählt auch das Windschott. Es wird zwar, anders als das elektrohydraulische Verdeck, nicht als Hightech-Wunderwerk bestaunt, ist aber ebenfalls in aufwändiger Detailarbeit entwickelt. Das Windschott besteht aus einem eingerahmten luftdurchlässigen Gitter, das sich mit wenigen Handgriffen am Überrollbügel befestigen lässt und in aufgestelltem Zustand den Fahrkomfort bei geöffnetem Verdeck deutlich erhöht, indem es Windgeräusche und Zugluft auf ein Minimum reduziert. Lederjacken und -kappen für Fahrer und Beifahrer sind damit genauso Vergangenheit wie nach vorn wehende Haare der Damen. Selbst hohe Geschwindigkeiten sind kein „zugiges“ Problem mehr, und das Offenfahren bei niedrigen Temperaturen gerät zu effektvoller Road-Show. Heute ist das innovative Windschott, an dem die Erfinder vier Patente halten, ein fast selbstverständlicher Teil vieler Cabrios in aller Welt. Das serienmäßige Hardtop besteht nun aus Aluminium und ist trotz größerer Fensterflächen gegenüber dem Coupédach des Vorgängermodells bei einem Gewicht von 34 Kilogramm rund 10 Kilogramm leichter. Ohnehin: Durch konsequenten Leichtbau und die weitgehende Verwendung hochfester Bleche kann ein Gewicht der Rohbaustruktur von 405 Kilogramm realisiert werden, das trotz erheblich verbesserter Struktursicherheit nur 20 Kilogramm über dem des Vorgängermodells liegt. Dem Komfort dienen elektrische Fensterheber und die elektropneumatische Zentralverriegelung, beides serienmäßig in allen SL-Typen. Zur Grundausstattung des Typ 500 SL gehört außerdem eine elektrische Verstellung der Lenksäule, mit der diese sowohl in Längsrichtung sowie in Höhe und Neigung optimal auf den Fahrer eingestellt werden kann.
Ein neues Fahrwerk
Das Fahrwerk entspricht prinzipiell der von den Limousinen der Baureihen 201 und 124 bekannten Konstruktion. So haben die neuen SL-Modelle eine schraubengefederte Dämpferbein-Vorderachse mit Bremsmomentabstützung und Dreiecksquerlenkern, Gasdruck-Stoßdämpfern und Stabilisator und eine modifizierte Raumlenker-Hinterachse mit Anfahr- und Bremsmomentabstützung, Schraubenfedern, Gasdruck-Stoßdämpfern und Stabilisator. Das garantiert hervorragende Fahreigenschaften. Zahlreiche Bauteile sind den geänderten Einbau- und Belastungsverhältnissen im SL angepasst; auch die Achsgeometrie wird auf die speziellen Anforderungen an Fahrverhalten und Komfort abgestimmt. Auf Wunsch ist außerdem ein neu entwickeltes Zusatzsystem lieferbar, das den seinerzeit realisierbaren Stand der Fahrwerktechnik markiert und drei Teilsysteme miteinander kombiniert. Die Niveaueinstellung und -regulierung an Vorder- und Hinterachse hat die Aufgabe, das Fahrzeugniveau bei laufendem Motor stets konstant zu halten. Mit der automatischen geschwindigkeitsabhängigen Niveauverstellung wird je nach momentaner Geschwindigkeit das Fahrzeugniveau abgesenkt oder angehoben; zum Befahren von schlechten Straßen kann das Niveau um 30 Millimeter erhöht werden, das dann bei einer Geschwindigkeit von mehr als 72 km/h zunächst auf Normal-Niveau und bei mehr als 122 km/h nochmals um 15 Millimeter abgesenkt wird. Die dritte Komponente, das Adaptive Dämpfungs-System ADS, ermöglicht es mittels verstellbarer Stoßdämpfer und einer komplexen elektronischen Steuerung, die Dämpfung vollautomatisch innerhalb von Sekundenbruchteilen bedarfsgerecht an den jeweiligen, von fünf Sensoren ermittelten Fahrzustand anzupassen. Insgesamt werden Aufbaubewegungen je nach Beladungszustand, Straßenbeschaffenheit und Fahrweise beruhigt, was quasi eine Vorstufe zum aktiven Fahrwerk darstellt, das im Jahr 1999 im Coupé der Baureihe C 215 seine Serienreife erlebt.
Schicke Leichtmetallräder für das Mercedes Cabriolet
Ihrem sportlichen Anspruch entsprechend werden alle Typen der Baureihe R129 serienmäßig mit Leichtmetallrädern (Durchmesser: 40,64 Zentimeter) im 15-Loch-Design und Breitreifen der Dimension 225/55 ZR 16 ausgerüstet. Die im Vergleich zu den Vorgängermodellen größeren Räder gestatten den Einbau großzügig dimensionierter Bremsen, die den verbesserten Fahrleistungen des SL angemessen sind. Ein Novum stellen die vorderen Festsattel-Scheibenbremsen dar, die vier Kolben mit paarweise unterschiedlichem Durchmesser haben. Diese erstmals bei einem Mercedes-Benz Pkw verwendete Konstruktion gewährleistet gleichmäßigen Verschleiß der Bremsbeläge und bessere Ausnutzung des Belagvolumens. Die vorderen und hinteren Bremsscheiben sind innenbelüftet. Bei allen drei Typen gehört das Anti-Blockier-System ABS zum serienmäßigen Lieferumfang.
Von September 1995 an ist das Elektronische Stabilitäts-Programm ESP beim Typ SL 500 auf Wunsch erhältlich. Beim SL 600 gehört es zur Serienausstattung. Von Dezember 1996 an können auch die Sechszylindertypen mit dem ESP ausgestattet werden, wenn für sie das von Juni 1996 an erhältliche Automatikgetriebe mit elektronischer Steuerung geordert wird. Gleichzeitig kommt eine weitere Weltneuheit zum Einsatz, die ebenfalls der aktiven Sicherheit dient: der Bremsassistent BAS, der von Dezember 1996 an serienmäßig in alle Modelle der Baureihen 129 und 140 eingebaut wird. Er ist in der Lage, Notbremsungen zu erkennen und bei Bedarf automatisch und in kürzerer Zeit als bisher die maximale Bremskraftunterstützung aufzubauen. Der Bremsweg des Fahrzeugs wird dadurch deutlich verkürzt. Anfang April 1998 wird das Elektronische Stabilitäts-Programm ESP bei den Typen SL 500 und SL 60 AMG in die Serienausstattung übernommen, im August 1999 auch bei den beiden Sechszylindertypen SL 280 und SL 320.
INFOS ZUM ARTIKEL
Kommentare: 4
Aktualisiert: Mittwoch, 03. März 2010
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Mercedes-Fans.de » Redaktion aus Essen (41)
Wir danken für die freundliche Kritik!
porschefunki » Volker aus Lauterbourg (49)
Alles Wissenswerte vom R129 inhaltlich wiedergegeben. Weiter so!
OM366 » Stefan aus Gerbstedt (19)
Ich finde ihn sehr scön.
mb4life » Max aus Sandhausen (19)
Ein sehr ausführlicher Bericht, der die Highlights des R129 gut erläutert. Vielen Dank für den Bericht und auch die diversen Fotos, das Design des R129 ist einfach genial. Ich könnte fast ins schwärmen geraten :-)