CLASSICS
175. Geburtstag von Gottlieb Wilhelm Daimler
Vor 175 Jahren, am 17. März 1834, wird der geniale Visionär, Erfinder und Konstrukteur Gottlieb Wilhelm Daimler in Schorndorf geboren.
1883: der 49-jährige Erfinder Gottlieb Wilhelm Daimler atmet durch. Seine Erfindung funktioniert. Der Motor hustet und keucht, aber er läuft.
Mit einem Hubraum von rund 100 Kubikzentimetern leistet er 0,25 PS bei sensationellen 600 Umdrehungen, dreimal so viel wie die Deutzer Gasmotoren, und er ist leicht. Damit sollte er die Fortbewegung zu Land, zu Wasser und in der Luft revolutionieren können!
Gottlieb Daimler schenkt der Welt eine Antriebsquelle in Form eines leichten, schnell laufenden Benzinmotors. Sie verändert wie kaum eine andere Erfindung das Leben der Menschen, macht es mobil und durchdringt alle Lebensbereiche in bis dahin unbekannter Weise.
Lehr- und Wanderjahre
Für Gottlieb Daimler (links: Das Gottlieb-Daimler-Geburtshaus in Schorndorf) sind die Jugendjahre in dem um 1840 knapp 4000 Einwohner zählenden Städtchen Schorndorf prägend. Schorndorf gehört nach Stuttgart, Tübingen und Urach zu den bedeutendsten Städten im Königreich Württemberg. Seine Eltern ermöglichen ihm dort eine fundierte Ausbildung, die aber für sie eine große finanzielle Belastung bedeutet. Nur Zuschüsse anderer Familienmitglieder erlauben es, dass Gottlieb nach dem Besuch der Elementarschule auch die beiden Klassen der berühmten Schorndorfer Lateinschule absolvieren kann. Neben der Lateinschule besucht Gottlieb die 1821 in Schorndorf gegründete Zeichenschule, in der sich seine exzellente zeichnerische Begabung entfaltet.
Nach dieser Ausbildung soll der junge Gottlieb ein Handwerk erlernen, und so wird 1848 der Büchsenmacher J. Chr. Wilke sein Lehrherr.
Das Gesellenstück Gottlieb Daimlers 1852 ist eine doppelläufige, an Beschlägen und Knauf fein ziselierte Pistole. An eine handwerkliche Zukunft des frischgebackenen Büchsenmacher-Gesellen in Schorndorf ist jedoch nicht zu denken.
1852/53: Studium in Stuttgart und weitere praktische Ausbildung
Daimlers Pläne reichen ohnedies schon weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Das beginnende Maschinenzeitalter, die industrielle Revolution, großartige Erfindungen wie Dampfmaschine, Gasmotoren und Eisenbahn locken den 18-Jährigen, erschließen ihm ein weites, erfolgversprechendes Feld, das seinen Neigungen sehr entgegenkommt. Der junge Mann besucht folgerichtig die Königliche Landesgewerbeschule in Stuttgart zur weiteren Ausbildung.
Ferdinand Steinbeis, der große Förderer der württembergischen Industrie, wird rasch auf den vielfältig Interessierten aufmerksam und schickt ihn, ausgestattet mit einem Reise- und Ausbildungszuschuss der Regierung, in das Werk Graffenstaden, eine Maschinenfabrik, die vor allem Eisenbahnbedarf herstellt und bei Straßburg im französischen Elsass liegt. Hier soll er praktische Erfahrungen sammeln. So beginnt Daimlers Weg nach oben am 20. Januar 1853 als einfacher Industriearbeiter. Als in Graffenstaden der Lokomotivbau aufgenommen wird, verlässt Daimler das Werk, um sich an der Polytechnischen Schule in Stuttgart auf die neue Herausforderung vorzubereiten. Physik und Chemie, Maschinenbau, Geschichte, Volkswirtschaft und Englisch stehen auf dem Stundenplan. Elektrotechnik allerdings fehlt noch. 1859 kehrt er nach Graffenstaden zurück, aber er kann sich für den Lokomotivbau nicht mehr so recht erwärmen.
oben rechts: Die Frau an seiner Seite: Gottlieb Daimler und seine zweite Frau Lina, aufgenommen im Jahr 1893
Der Weg zum Motor
Im Sommer 1860 verlässt Daimler daher die Maschinenfabrik Graffenstaden und fährt nach Paris, wo er einige Monate arbeitet.
Ein Reisestipendium von Ferdinand Steinbeis erlaubt es ihm, ins Mutterland der Technik zu fahren, nach England, dem Ziel aller Technikbegeisterten und Wissbegierigen jener Zeit. In Leeds, Manchester und Coventry findet Daimler Arbeit und studiert hier auch Maschinenfabrikation, Gewindeherstellung und Schiffbau.
Den krönenden Abschluss seines Englandaufenthaltes bildet 1862 die Londoner Weltausstellung. Danach kehrt Daimler zurück und wirkt bis zum Ende des Jahres 1863 in Geislingen in der Metallwarenfabrik Straub und Sohn.
Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte in Bad Cannstatt, hier entstand 1883 der erste schnelllaufende Benzinmotor der Welt.
1863: Bruderhaus Reutlingen
Steinbeis unterstützt ihn auch nach seiner Rückkehr in die Heimat. Auf seine Veranlassung und der von Emil Kessler, Gründer der Karlsruher Maschinenfabrik sowie Initiator und Leiter der Maschinenfabrik Esslingen, erhält Daimler im Dezember 1863 eine Anstellung beim Bruderhaus Reutlingen (rechts: Gottlieb Daimler im Alter von 30 Jahren, als er die Werkstätten der Maschinenfabrik des Reutlinger Bruderhauses leitete.). Die von dem sozial sehr engagierten ehemaligen Pfarrer Gustav Albert Werner gegründete Unternehmung beschäftigt vor allem Vollwaisen, Verarmte und Behinderte in einer Papierfabrik, einer Holzbearbeitungsanstalt und einer Maschinenfabrik.
Letztere ist bei Daimlers Eintritt in finanziellen Schwierigkeiten. Daimler wird mit der Sanierung beauftragt, was ihm auch gelingt.
1867: Emma Kurz und Wilhelm Maybach
In den fünf Jahren seiner Reutlinger Tätigkeit findet Gottlieb Daimler zwei Menschen, die sein zukünftiges Leben begleiten werden. Zum einen Emma Pauline Kurz, die Tochter des Maulbronner Apothekers Kurz. Er heiratet sie 1867. Zum anderen ist es der 1846 geborene und damit um zwölf Jahre jüngere Wilhelm Maybach, der als Vollwaise im Bruderhaus Zuflucht gefunden hatte. Maybach fällt durch sein hohes technisches Verständnis, hervorragende Leistungen und seinen Erfindungsreichtum auf.
Als Daimler 1868 zur stark expandierenden Maschinenfabrik Karlsruhe als Vorstand der Werkstätten wechselt, die vor allem Eisenbahnmaterial herstellt, nimmt er Maybach (links Wilhelm Maybach auf dem Reitwagen, 1885) mit. Das Duo wird von nun an bis zu Daimlers Tod im Jahre 1900 unzertrennlich bleiben. Daimlers Organisationstalent bringt die Fabrik sicher durch die unruhigen Zeiten des Krieges 1870/71 mit Frankreich.
1872: Gasmotorenfabrik Deutz
Die beiden Inhaber der Gasmotorenfabrik Deutz (siehe Bild rechts), der Ingenieur Gustav Langen und der Erfinder Nikolaus August Otto, erweitern nach diesem Krieg die wirtschaftliche Basis ihrer Fabrik und machen daraus eine Aktiengesellschaft. Grundlage der Tätigkeit ist eine atmosphärische Gaskraftmaschine Ottos.
Langen wünscht für die Werkstätten und das Zeichenbüro einen erfahrenen Betriebsleiter, eben Gottlieb Daimler. Maybach wird Leiter der Konstruktionsabteilung und tritt seinen Dienst am 1. Juli 1872 an, Daimler folgt einen Monat später. Maybach gelingt es im Laufe der Zeit, den Gasmotor zu verbessern, aber dessen Leistungsfähigkeit ist begrenzt: Er ist zu hoch und zu schwer.
Otto nimmt daher seine Versuche mit dem Viertaktprinzip wieder auf, was 1876 auch zum Erfolg führt: Die Viertakt-Kompressionsmaschine entsteht. Doch der Motor ist selbstverständlich noch nicht völlig serienreif. Ihn so weit zu bringen, ist die Aufgabe von Daimler und Maybach. Sie optimieren den Motor und machen aus ihm einen Verkaufsschlager.
Daimler hat schon damals die Vision von einem kleinen, universell einsetzbaren Motor, doch diese Vision lässt sich auf der Basis des bestehenden Motors und in Verbindung mit der Gasmotorenfabrik Deutz nicht realisieren, zumal auch starke Spannungen zwischen den beiden Erfindern Daimler und Otto bestehen. 1882 wird Daimler schließlich gekündigt. Daraufhin veranlasst er Maybach, von sich aus die Firma zu verlassen, um mit ihm zusammen an der Entwicklung eines leichten, schnell laufenden Motors zu arbeiten, von der beide ahnen, dass es die „Kapitalerfindung“ sein wird.
1882: Neuer Anfang in Cannstatt
Als neuen Wohn- und Arbeitssitz wählt Daimler Cannstatt in unmittelbarer Nähe zur Residenzstadt Stuttgart und sichert sich Maybachs Mitarbeit durch einen Vertrag „… für die Durchführung diverser Projekte und Probleme im maschinentechnischen Bereich, welche ihm von Herrn Daimler aufgetragen werden“.
Im Juli 1882 zieht Daimler mit seiner Familie in das neu erworbene Haus samt Garten und geräumigem Gartenhaus in der Taubenheimstraße 13.
Gottlieb Daimler ist jetzt 48 Jahre alt und hat endlich Zeit, sich mit seiner Vision intensiv zu beschäftigen. Das Gartenhaus in Daimlers Garten wird umgebaut und erweitert. Der Vorraum beherbergt Schreibtisch und Kommode und wird als Büro genutzt. Der anschließende helle und lichte Raum wird durch den Einbau von Werkzeugbank und Schmiede das Refugium der beiden Ingenieure.
Das Konstruktionsbüro befindet sich zunächst in Maybachs Cannstatter Wohnung in der Pragstraße 34, wo Maybach mit seiner Frau Bertha seit Oktober 1882 wohnt.
Bald regt sich handwerkliches Leben im Gartenhaus. Beide Männer beginnen den leichten und schnell laufenden Benzinmotor zu entwickeln und zu bauen, der sich für den Einbau in Kutschen, Lastkarren, Booten, Schiffen, Eisenbahn- und Straßenbahnwagen, landwirtschaftlichen Arbeitsgeräten, Feuerwehrpumpen und sogar in Luftschiffen eignen soll.
Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte in Bad Cannstatt, hier entstand 1883 der erste schnelllaufende Benzinmotor der Welt. Hier: die Werkzeugbank.
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Aktualisiert: Mittwoch, 18. März 2009
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