CLASSICS
Emil Jellinek: Namensgeber für Mercedes
Emil Jellinek (1853 bis 1918) ist ein früher Technik- und Marketingstratege
Als am 10. Juni 1903 ein großer Teil der Daimler-Fabrik in Cannstatt abbrennt, wird wiederum Jellinek mobil: Weil auch die drei Mercedes 90 PS für das Gordon-Bennett-Rennen den Flammen zum Opfer gefallen sind, überlegt er, wer ihm für die Veranstaltung ein Auto zur Verfügung stellen kann – und welches: Am besten einen vom Typ 60 PS, denn die haben bisher bei Rennen gut abgeschnitten. Er wird beim Amerikaner Gray Dinsmore fündig. Der belgische Rennfahrer Camille Jenatzy steuert den Wagen bei dem Rennen, das in Irland ausgetragen wird, siegreich ins Ziel. Damit trägt sich erstmals ein deutsches Auto in die Siegerlisten ein – und Deutschland hat die Ehre, das Rennen mit Weltgeltung, vergleichbar mit heutigen Formel-1-Veranstaltungen, im Jahr 1904 auszutragen.
Prestige und Selbstbewusstsein
„Seine teilweise recht exzentrischen Ansichten und Lebensgewohnheiten ließen ihn, nachdem er das Automobil zunächst als Benutzer faszinierend fand, die ökonomischen Möglichkeiten dieser relativ neuen Erfindung frühzeitig erkennen“, beschreibt Klaus Kempter den gewitzten Geschäftsmann Emil Jellinek in der umfangreichen Familienbiographie „Die Jellineks 1820-1955“. Der neue Geschäftszweig macht in der Tat aus dem wohlhabenden Kaufmann im Laufe der Jahre einen Multimillionär: Er baut seine „Villa Mercedes“ in Baden bei Wien, wo er sich meist im Sommer aufhält, im Laufe der Jahre zu einem fast 50 Zimmer und Säle umfassenden Palast um. Auch seine Winterresidenz „Villa Mercédès“ in Nizza ist ein eindrucksvoller Bau an der bekannten „Promenade des Anglais“, Hausnummer 54, mit Blick auf das Mittelmeer.
Von nun an heißt er Emil Jellinek-Mercedes
Der Selfmade-Millionär hat offenbar ein ausgeprägtes Selbst- und Prestigebewusstsein und ist stolz darauf, Zugang zum europäischen Hoch- und Geldadel zu haben und somit zu den oberen Kreisen von Nizza zu gehören. Titel und Orden findet er schick. Als er im Jahr 1903 in Österreich das Recht zugesprochen bekommt, dem Familiennamen das inzwischen berühmte Markenzeichen Mercedes hinzuzufügen, sieht er dies als eine Art Adelsbrief an. Von nun an heißt er Emil Jellinek-Mercedes und soll dies mit den Worten kommentiert haben: „Wohl zum ersten Male trägt ein Vater den Namen seiner Tochter.“ 1904 ernennen die Vereinigten Staaten von Mexiko ihn zu ihrem Konsul in Nizza, 1908 wird er Ehrengeneralkonsul Österreich-Ungarns in Monaco. Auf Fotografien vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt er sich gern in ordengeschmückten Uniformen.
Unterdessen brodelt es in Cannstatt: „Die folgenschwere Entscheidung, sich im weitaus dominierenden Auslandsverkauf weitgehend an einen einzigen Zwischenhändler zu binden, war in dieser Aufbauphase des Exports gewiss richtig“, schreiben Max Kruk und Gerold Lingnau in ihre Buch „Daimler-Benz: Das Unternehmen“. Und weiter: „Für längeren Bestand konnte sie aber nicht konzipiert sein.“
Minderheitsaktionär Jellinek wird zum delegierten Verwalter
So zeigen die Aufsichtsratsprotokolle der Jahre 1902 und 1903, dass sich das Direktorium mit der zu festen Bindung an Jellinek zusehends unwohl fühlt. Vor allem, weil der erfolgreiche Händler die Preisgestaltung ihrer Meinung nach ganz nach Gutdünken vornimmt und im Prinzip keinerlei Risiko trägt, wenn etwas schief läuft. Der Vorstand überlegt, wie man das Verkaufstalent Jellinek nach dem Vertragsende im Jahr 1905 weiter bindet, ohne sich jedoch zu sehr in seine Hand zu begeben. In der Aufsichtsratsitzung vom 7. September 1904 wird beschlossen, den Vertrieb neu zu organisieren und eine Verkaufsgesellschaft in Frankreich zu gründen, weil dort der größte Teil der Produktion verkauft wird.
Der Anteil der DMG an der „Mercedes Société Française d’Automobiles Paris“, die 1905 mit einem Kapital von 5 Millionen Francs gegründet wird, beträgt 10 Prozent, zusammen mit den kooperierenden Bankinstituten hat das Unternehmen 60 Prozent der Anteile – und somit die Mehrheit. Der Minderheitsaktionär Jellinek wird einstimmig zum delegierten Verwalter ernannt.
Für Jellinek hat das Arrangement durchaus Vorteile, auch wenn er eigentlich entmachtet wird: „Faktum ist, dass die Tüchtigkeit meines Vaters den Bereich seines Monopols gesprengt hat“, schreibt Guy Jellinek-Mercedes. „Er will keines seiner Vorrechte preisgeben, doch der Umfang seiner Geschäfte droht seine Mittel zu überschreiten.“ Jellinek widmet sich nun verstärkt seinen Immobilienprojekten: In Nizza kauft er zum Beispiel das „Hotel Scribe“, in Paris gehören ihm bald die Hotels „Astoria“ und „ Mercédès“ in bester Lage. Zudem baut er sein Haus in Baden bei Wien aus.
Aus dem schwelenden Zwist wird ein endgültiger Bruch
Das nie überragend gute Verhältnis zwischen dem Händler in Nizza und der Führungsmannschaft in Cannstatt wird zusehends schlechter. Der Praktiker macht weiterhin Verbesserungsvorschläge, derer man in Deutschland zusehends überdrüssig wird. Zudem hält er der DMG immer wieder vor, sie würde falsche Wagen konstruieren, die Absatzschwierigkeiten hätten und zudem auch noch zu spät geliefert würden. Resultat: War das Verhältnis früher schon angespannt, nun ist es zerrüttet.
Der Ton wird schärfer: „Ihre Mitarbeit auf Grund Ihrer praktischen Erfahrungen und der Ihnen aus den Kreisen der Interessenten zustehenden Wünsche möchten wir auch künftig keinesfalls entbehren, doch haben sich auf dem Wege der brieflichen Verständigung verschiedentlich Missverständnisse herausgestellt und Schärfen in der Korrespondenz gezeitigt, die mit unseren gegenseitigen und gemeinsamen Interessen nicht in Einklang zu bringen sind“, schreibt der Vorstand ihm am 15. September 1906. „Andererseits sind Ihre persönlichen Besuche auf unserem Werk zu selten und dann zu kurz, als dass die stets in beschleunigtem Tempo aufgesetzten Protokolle faktisch ihren Zweck erfüllen könnten.“ Stattdessen soll Jellineks Neffe Otto Zels, der seit 1905 für Jellinek arbeitet, zweimal monatlich zu Fahrzeugerörterungen nach Untertürkheim kommen, weil er „auf Grund seiner technischen Bildung“ dazu am besten in der Lage sei, wie es mit einem weiteren Seitenhieb auf Jellinek heißt, der keinerlei technische Ausbildung vorweisen kann.
„Der Schlag kommt nicht unerwartet, aber er trifft ihn hart“
„Im Jahre 1903 feierte man den ‚Propheten’“, schreibt Guy Jellinek-Mercedes dazu in Anspielung auf den Text der Medaille, die ihm die DMG 1903 verleiht. „Im Jahre 1906 hat man über und über genug von seinen Prophezeiungen wie auch von seinen Vorwürfen. Ruhe wird erst mit dem Abschied des Tyrannen eintreten.“ Es trifft Emil Jellinek zudem schwer, dass sein langjähriger Vertrauter Maybach die DMG nach andauernden internen Querelen am 1. April 1907 verlässt: „Der Schlag kommt nicht unerwartet, aber er trifft ihn hart“, schreibt sein Sohn Guy.
1908 kehrt Jellinek der DMG den Rücken
1907/08 folgt der amerikanischen Finanzkrise in Europa eine Wirtschaftskrise, und die Verkaufszahlen gehen nach unten. Die Konsumneigung ist schwach und ein Auto, ein teurer Mercedes zumal, ist ein Luxusgut, dessen Anschaffung man sich versagt oder verschiebt. Die DMG will der Krise mit einer abermaligen Neuorganisation des Vertriebs entgegensteuern und erhebt die Unabhängigkeit von Dritten zum obersten Prinzip. Man gibt Jellinek eine Mitschuld an der Überproduktion und beschließt 1907, den Vertrag mit der Mercedes Société aufzulösen. Zum einen will die DMG den Verkauf künftig besser steuern, zum anderen mehr Einfluss auf die Preisgestaltung haben: „Das Bestreben der DMG ist dahin gerichtet, durch möglichste Ausschaltung der Zwischenhändler den Preis für die Konsumenten zu verbilligen“, heißt es im Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 30. September 1907. Ein Jahr später hat man sich mit Jellinek geeinigt, er lässt sich auf einen Vergleich ein und kehrt der DMG den Rücken.
Der "Blitzen-Benz“ fährt die bisher größte Geschwindigkeit für Straßenfahrzeuge
Derweil entfacht das Automobil ein neues Rekordfieber: Im englischen Brooklands erreicht Victor Hémery am 8. November 1909 mit dem Benz 200 PS, genannt „Blitzen-Benz“, die bisher größte Geschwindigkeit für Straßenfahrzeuge. Die sensationellen 205,666 km/h beobachtet Jellinek als Privatier. Und trotz des ganzen Ärgers mit der Führungsspitze in Cannstatt bleibt er Zeit seines Lebens Mercedes-Automobilen treu – mit nur zwei Ausnahmen: Er besitzt auch einen Itala mit ventillosem Motor und einen kirschroten Rolls-Royce mit schwarzen Kotflügeln.
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Aktualisiert: Freitag, 26. Februar 2010
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