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STERNSTUNDE

Vor 125 Jahren: Die Mercedes-Erfolgsstory begann auf zwei Rädern

Am 29. August 1885 meldet Gottlieb Daimler den „Reitwagen“ zum Patent an - hat der Erfinder des Automobils auch das Motorrad erfunden?
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In der zweiten Hälfte des Jahres 1883 bauen Daimler und Maybach dann den ersten Versuchsmotor, ein liegender Viertakt-Einzylinder. Er entwickelt dank der Glührohrzündung und der Kurvennutensteuerung, die das Auslassventil betätigt, aus einem Hubraum von rund 100 Kubikzentimetern eine Leistung von rund 0,18 kW bei 600/min, deutlich mehr als die bis dahin bei Viertakt-Gasmotoren maximal erreichbaren 180/min. Das Einlassventil, „Schnüffelventil“ genannt, öffnet automatisch durch Unterdruck. Das Motorgehäuse lassen sie bei der Glockengießerei Kurz in Stuttgart gießen, es wird in deren Büchern als „kleiner Modellmotor“ geführt. Sie liefert es am 15. August 1883. Aufgrund seiner Drehzahl wird der Motor als „schnelllaufend“ bezeichnet. Diverse Erfindungen der Folgejahre zielen immer wieder darauf ab, die Drehzahl weiter zu steigern – der logische Weg, um die Leistung weiter zu erhöhen. Zugleich werden aber bereits damals Effizienzüberlegungen mit einbezogen, um mit dem im Tank vorhandenen Treibstoffvorrat eine möglichst lange Arbeitsdauer des Motors zu ermöglichen.

1884: legendärer Versuchsmotor "Standuhr"

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Im Jahr 1884 folgt die nächste Ausführung des Versuchsmotors. Diesmal ist es ein stehender Viertakt-Einzylinder, und der Motor wird wegen seines charakteristischen Aussehens „Standuhr“ genannt. Er wird am 3. April 1885 zum Patent angemeldet (DRP Nr. 34 926). Seine Konstruktion ist auf ein geringes Gewicht und eine kompakte Bauweise ausgerichtet, damit erfüllt er die Voraussetzung, in Fahrzeuge eingebaut zu werden. Seine Leistung beträgt zunächst 0,74 kW. Grundlegend ist zudem die Bauart, dass die Getriebeteile und das Schwungrad in einem öl- und staubdichten Kurbelgehäuse eingekapselt sind. Erstmals gelangt der von Maybach entwickelte „Schwimmer“-Vergaser zum Einsatz, nach heutiger Lesart ein Oberflächen-Vergaser, der den problemlosen Betrieb mit Benzin erst ermöglicht. Der Schwimmer sorgt für eine konstante Treibstoffmenge; da der Luftstrom so durch eine stets gleich hohe Treibstoffschicht hindurch führt, wird ein gleichbleibendes Kraftstoff-Luft-Gemisch möglich – eine wesentliche und grundsätzliche Erfindung für einen gleichmäßigen Motorbetrieb.

Versuchsfahrzeug Reitwagen

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Das erste Versuchsfahrzeug für die „Standuhr“ wird 1885 der Reitwagen. Er hat als zweirädriges Mobil das Fahrrad zum Vorbild: Fahrräder sind damals noch junge Fahrzeuge und gelten als höchst modern. Doch aus Stabilitätsgründen wählt Daimler Holz als Baumaterial für den Rahmen. Der Motor wird 1885 unter dem Fahrersitz eingebaut. Er entwickelt aus einem Hubraum von 265 Kubikzentimetern eine Leistung von 0,4 kW bei 600/min. Die Kraftübertragung erfolgt von der Motorriemenscheibe über einen Treibriemen zum Hinterrad. Zwei Geschwindigkeiten sind möglich: Je nach gewählter Riemenscheibe, die im Stand vorgewählt wird, sind es 6 oder 12 km/h.

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Konsequent sind beim Motor bereits Grundsätze des Leichtbaus verwirklicht, wie ein Detail zeigt: Maybachs Konstruktion sieht zur Befestigung der Zylinder keinen Flansch vor, sondern der untere Teil des Zylinders ist etwas verstärkt und mit einem Feingewinde versehen. Rund fünfzig Jahre später wird diese Bauart wieder aufgegriffen, als man eine leichte und sichere Montagemöglichkeit für Flugmotoren-Zylinder sucht.

Erster Erfahrungsbericht: eine bahnbrechende Erfindung!

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Eine zeitgenössische Veröffentlichung schildert die Funktionsweise des Reitwagens: „Wenn der Motor in Gang gesetzt werden soll, so wird unter dem Glührohr die kleine Flamme angezündet und der Motor mittels der Kurbel einmal angedreht; diese Vorbereitung ist in einer Minute geschehen. Der Motor arbeitet ruhig, da zur Dämpfung des Auspuffes in die Auspuffleitung ein Auspufftopf eingeschaltet ist. Soll das Fahrzeug in Bewegung gesetzt werden, so besteigt der Fahrer dasselbe, ergreift das Steuer und bringt den Motor mit dem Fahrrad in Verbindung. Dies geschieht durch den Hebel, die Schnur und die Spannrolle; durch diese wird nämlich der Treibriemen gegen die Scheibe angezogen. Die Riemenscheiben dienen zur Erzielung verschiedener Geschwindigkeiten; wird der Treibriemen in die obere Lage gebracht, so fährt das Fahrrad langsam, von der unteren Lage aus erzielt man ein schnelleres Fahren. Die Bremse wird durch eine Schnur angezogen, die für den Fahrer bequem erreichbar ist; will man das Fahrrad zum Stillstand bringen, so schaltet man durch einen Hebel zwischen Sitz und Lenkrad den Treibriemen aus und alle Bewegung hat ein Ende.“

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Der Reitwagen ist der wichtigste Vorreiter der individuellen Mobilität mit Hilfe des Verbrennungsmotors. Zum einen stellt er die Möglichkeiten des von Daimler und Maybach erdachten Motors unter Beweis, ein Fahrzeug anzutreiben. Zum anderen dokumentiert er, dass der Mensch diese Maschine vollständig kontrollieren kann, mit dem Ziel der individuellen Fortbewegung. Die späteren Automobile haben diese zu höchster Reife fortentwickelt.Im November 1885 legt Gottlieb Daimlers Sohn Adolf mit dem ungefederten „Reitwagen“, ausgestattet mit eisenbeschlagenen Reifen, die drei Kilometer lange Strecke zwischen Cannstatt und Untertürkheim ohne Probleme zurück. Das dürfte angesichts des Zustands der damaligen Straßen nicht unbedingt ein Vergnügen gewesen sein – doch das erste „Automobil“ der Welt besteht seine Bewährungsprobe. Für Daimler und Maybach ist es nur die Vorstufe zum Motorwagen, der 1886 in Form der Motorkutsche folgt – so wie der Patent-Motorwagen von Carl Benz. Der Erfolg beider Erfinder ist große Geschichte.

Die Vorgeschichte des Benz Patent-Motorwagens

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Carl Benz erlebt als junger Konstrukteur sehr wechselreiche Jahre. Sein erstes Unternehmen gründet er 1871 in Mannheim, zusammen mit dem „Mechanikus“ August Ritter. Die Werkstatt hat die typische Mannheimer Adresse T 6, 11. Bald stellt sich heraus, dass Ritter kein zuverlässiger Partner ist. Nur mit Hilfe seiner Braut, Bertha Ringer, gelingt es Benz, diese Klippe zu überwinden: Sie setzt kurzerhand ihre Mitgift ein, um Ritter auszuzahlen. 1872 heiraten Bertha Ringer und Carl Benz. Seine Frau ist entscheiden für den späteren Erfolg des jungen Unternehmens. Sie fördert seine Arbeiten und unternimmt auch die erste Fernfahrt der Welt mit dem Automobil.

Benz baut zunächst nach dem Zweitaktprinzip

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Anfänglich laufen die Geschäfte von Carl Benz sehr schlecht. Seine „Eisengießerei und mechanische Werkstätte“, die er später auch „Fabrik für Maschinen zur Blechbearbeitung“ nennt, muss die Pfändung von Werkzeugen erleben. In dieser Zeit beschäftigt sich Benz intensiv mit dem Zweitaktmotor, um eine neue Existenzgrundlage zu finden. Nach zweijähriger Entwicklungszeit läuft sein erster stationärer Motor in der Silvesternacht 1879 zum ersten Mal zufriedenstellend. Er ist nach dem Zweitaktprinzip gebaut, denn für den Viertaktmotor ist, als Ergebnis der Arbeiten Nikolaus August Ottos, 1877 ein deutsches Patent der Gasmotorenfabrik Deutz erteilt worden. Für die Vervollkommnung seines Zweitaktmotors, den er bis zur Fertigungsreife entwickelt, erhält Benz mehrere grundlegende Patente, etwa für die Drehzahlregulierung. Zur Zündung benutzt er seine neu entwickelte Batteriezündung – ein Vorsprung gegenüber Daimler.

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Benz’ erster Motor ist noch zu schwer, um in ein Straßenfahrzeug eingebaut zu werden – denn das ist das Ziel des Konstrukteurs. Aber das Aggregat hilft, die Voraussetzungen dafür schaffen. Denn schon bald gelten seine Stationär-Zweitaktmotoren als ausgereift und werden gern gekauft. Sie bringen das Geld für die technische Fortentwicklung herein. 1880 erhält Benz das Patent auf eine Öltropfeinrichtung zur verbesserten Schmierung. 1883 entwirft er eine Drosselklappenregelung, eine Grundlage der modernen Leistungsregelung. Vom Frühjahr 1884 an stattet Benz seine Motoren mit einer elektrischen Hochspannungszündung aus.

Erste Fahrversuche 1885

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Nach einigen Zwischenschritten – und auch Rückschlägen – gründet Benz am 1. Oktober 1883 zusammen mit den technisch aufgeschlossenen Kaufleuten Max Rose und Friedrich Wilhelm Esslinger das Unternehmen „Benz & Co. Rheinische Gasmotoren-Fabrik“. Jetzt, finanziell abgesichert, kann er sich ungestört der Entwicklung seines Wagenmotors widmen und beginnt er mit der Konstruktion eines kompletten Fahrzeugs, in das sein Viertakt-Benzinmotor integriert ist. Im Herbst 1885 unternimmt Benz die ersten Fahrversuche. Am 29. Januar 1886 erhält er schließlich auf den dreirädrigen „Patent-Motorwagen“ das Patent DRP Nr. 37 435. Es gilt als Geburtsurkunde des Automobils.

Ein Star wird geboren

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Der Patent-Motorwagen hat einen liegenden Einzylinder-Viertaktmotor, der aus einem Hubraum von 954 Kubikzentimeter und bei einer Drehzahl von 400/min eine Leistung von 0,55 kW entwickelt. Die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs beträgt 16 km/h. Der Patent-Motorwagen folgt einem ganzheitlichen Ansatz: Motor, Fahrgestell und Antrieb sind exakt aufeinander abgestimmt und bilden eine Einheit. Damit ist Benz allen Konkurrenten weit voraus, denn diese bauen ihre Motoren in vorhandene Fahrzeuge ein, etwa Kutschen.

Video Mercedes-Benz.tv: Der erste Feuerstuhl der Geschichte

GALERIE: VOR 125 JAHREN: DIE MERCEDES-ERFOLGSSTORY BEGANN AUF ZWEI RÄDERN

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Aktualisiert: Montag, 30. August 2010

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